0 64 31 - 97 39 14


Wir sind "einfach da, wenn man uns braucht!"

in der systemischen Familientherapie –
und was hat Krebs damit zu tun?

Foto: Berwis / pixelio.de
Foto: Berwis / pixelio.de

In der psychotherapeutischen und psychoonkologischen Zusammenarbeitmit Einzelpersonen und Familien ist die Auseinandersetzungmit„Abgrenzung“ ein wichtiges und wiederkehrendes Thema.

Abgrenzung ist eine notwendige Grundfähigkeit aller Lebewesen. Für den Einzeller oder ein komplizierteres Säugetier (wie z.B. den Mensch) bedeutet dies die Fähigkeit, sich von seiner Umwelt zu unterscheiden, mit der Umwelt zu interagieren, Nahrung zu holen und sich vor schädlichen, gefährlichen Einflüssen aus der Umwelt zu schützen.

Dies mag selbstverständlich erscheinen, aber für das hochkomplexeWesen„Mensch“ findet Abgrenzung überwiegend auf sprachlicher Ebene statt. Gemeint ist hier, wie wir miteinander darüber kommunizieren, was wir wollen und brauchen, und was nicht. Die Tragweite der Auswirkung, wie gut dies gelingt, ist uns oft nicht bewusst.

Am einfachsten können wir uns diesem Bereich annähern, wenn wir uns fragen:Wie sieht es aus mit dem„Nein“-Sagen?

„Nein” sagen

„Nein“ sagen hat leider einen schlechten Ruf. Ich will doch den anderen nicht verletzen, indem ich ihm etwas abschlage. Das passt nicht in mein Selbstbild eines liebevollen, hilfsbereiten Mitmenschen.„Für den anderen da sein“ ist auch ein ethischmoralisches Ziel, das zu verfolgen mir quasi mit in dieWiege gelegt wird. Etwas Gutes zu tun für andere, fühlt sich immer wieder gut an, ich freue mich, dass der andere sich freut und auch, wenn ich ein Dankeschön für meine gute Tat erhalte.

Wie gehe ich dann aber damit um, wenn ich „eigentlich“ nicht möchte? Vielleicht sitzt Hilfsbereitschaft (oder dass ich glaube, dass andere diese von mir erwarten) so tief in mir, dass das „eigentlich nicht wollen“ gar nicht mehr in mein Bewusstsein gelangen darf. Vielleicht macht es sich gerade noch bemerkbar durch ein Ziehen im Bauch, ein Kribbeln, Kopfschmerzen oder den Drang, raus gehen zu wollen. Was ich gerne beiseite schiebe und damit übergehe.

Wenn ich etwas nicht möchte oder es mir zu viel wird, mich aber dennoch immer wieder darauf einlasse, tut mir das langfristig nicht gut. Damit achte ich meine eigenen Grenzen nicht. Und gleichzeitig lade ich (unbewusst) auch andere ein, sie nicht zu achten.

„NEIN“ sagen in der Familie

„Nein“ sagen bedeutet, dass ich mein eigenes Wohlergehen im Blick habe(n darf ). Auch in Kontakt mit meiner Familie.
Und wenn klar ist, dass ich„nein“ sagen kann, wenn ich etwas nicht will, hebt sich mein„ja“ umso deutlicher und unmissverständlicher ab für mein Gegenüber als etwas, das ich wirklich will! (Dann meine ich auch „ja“!) Ein „Nein“ dem anderen mitzuteilen und sich dann damit auseinander zu setzen, ist „gesund“.

Im Rahmen von„Fairem Streiten“ können frühzeitig alle Gefühle/Bedürfnisse offen gelegt werden. Dies kann deren„Anstau“ und dann daraus resultierend eventuelle spätere unkontrollierbare Ausbrüche vermeiden, was wiederum dabei hilft zu verhindern, dem anderen unnötige Verletzungen zuzufügen.

Ein Beispiel wäre, wenn meine Familie heute Abend ins Kino will, aber ich nach einer sehr vollen Arbeitswoche meine Ruhe brauche. Hier ist die Gefahr groß, dass Missstimmung entsteht und ich evtl. schlecht gelaunt mitkomme. Stattdessen könnte ich meinen Zwiespalt benennen und mit den anderen Kompromisse aushandeln, die die Bedürfnisse von allen berücksichtigen: „Wie wäre es, wenn wir heute Pizza bestellen und hier ein Video angucken, und morgen Abend oder Sonntag ins Kino gehen?“

„NEIN“ sagen und Gesundheit

Krebs kann auch unter dem Blickwinkel betrachtet werden, dass schädliche Zellen sich vermehren und in gesundes Gewebe eindringen dürfen, und sich das Gesunde nicht entsprechend „wehrt“ (und „nein“ sagt). Auch das ist eine Art „Grenzüberschreitung“.

Wir wollen hier keinesfalls sagen, dass im nicht „Neinsagen“ notwendigerweise die Ursache für Krebserkrankungen liegt. Jedoch wollen wir zu einem Perspektivwechsel einladen, und können in der systemischen Sichtweise auch einen Blick auf unser biologisches System werfen – unseren Körper – und in der Gesamtbetrachtungsweise ergeben sich mitunter Fragen, die zum Nachdenken einladen.

Sicher können wir folgendes Fazit ziehen: Wenn wir„gut“ Streiten können in der Familie, („Faires Streiten“), stärkt das die Familienbindung, und wenn wir uns in der Familie gut und sicher fühlen, stärkt dies wiederum unser Immunsystem, und dies fördert allgemein die Gesundheit von jedem Einzelnen im System.

Als Schlussfolgerung:

Wenn ich „nein“ sagen kann,
sage ich „ja“ – zu mir selbst – und zu meiner Familie!